Stammzellen

Für jeden ALS-Patienten ist es eine wunderbare Vorstellung: Stammzellen werden in das Rückenmark injiziert, dort entwickeln sie sich zum Motorneuronzellen und nach und nach können alle Muskeln wieder bewegt werden. Tatsächlich könnte irgendwann eine Heilung auf diesem Wege möglich sein, aber selbst Stammzellen-Enthusiasten unter seriösen Wissenschaftlern räumen ein, dass es bis dahin noch ein sehr weiter Weg ist. Eher eine Sache von Jahrzehnten als von Jahren. Bisher funktioniert diese Methode nur in Computeranimationen.

Trotzdem können Stammzellen auch kurzfristig eine wichtige Rolle in der ALS-Therapie spielen. An der Harvard Universität gelang es 2008, aus Hautzellen einer ALS-Patientin Stammzellen und daraus wiederum Motorneuronzellen zu gewinnen. Dieser Erfolg wurde vom Time-Magazin zur größten wissenschaftlichen Leistung im Bereich Medizin 2008 erklärt. Eine Therapie mit diesen Zellen ist allerdings ausgeschlossen, weil die Reprogrammierung nur mithilfe einer gentechnischen Manipulation unter Einbeziehung von Krebsgenen gelungen ist. Das kurzfristige Ziel der Wissenschaftler in Harvard ist aber noch ein anderes: die Entwicklung der Motorneuronzellen aus der Haut von ALS Patienten in Zellkulturen sollen mit denen gesunder Patienten verglichen werden, um so Erkenntnisse über die Entwicklung der Krankheit zu gewinnen. Der Ansicht vieler Wissenschaftler, dass die Motorneuronzellen nicht der Ausgangspunkt der Krankheit sind, wird dieser Ansatz allerdings nicht gerecht.

Erfreulich ist, dass immer häufiger so genannte "induzierte pluripotende Stammzellen" zum Einsatz kommen. Diese Zellen werden - wie oben beschrieben - aus Körperzellen gezüchtet, die ihren Patienten selbst entnommen werden. Damit kann auf den Einsatz von ethisch und medizinisch bedenklichen embryonalen Stammzellen zunehmend verzichtet werden. Derzeit wird intensiv und erfolgreich daran gearbeitet, bei diesem Prozess auf Genmanipulation und speziell den Einsatz von Krebsgenen zu verzichten. Allerdings sind vor einem Einsatz derartiger Zellen für die Therapie noch sehr viele Risiken - speziell der Tumorbildung - auszuschließen.

Seit Jahren gibt es in verschiedenen Teilen der Welt - unter anderem auch in Köln und Düsseldorf - Kliniken, die Stammzellentherapien auch gegen ALS anbieten. Die meisten Stammzellenforscher halten dies für reine Geschäftemacherei. 2007 gab es zu diesem Thema einen sehr informativen Bericht von Kristin Raabe im Deutschlandradio.

Viele ALS-Patienten speziell in den USA stecken viel Hoffnung in den Ansatz der Firma Neuralstem. Deren Methode beruht auf embryonalen Stammzellen, ist patentiert und teilweise geheim, allerdings arbeitet sie im Gegensatz zu den oben angesprochenen Kliniken auf hohem wissenschaftlichen Niveau. Sie weichen auch nicht in Länder mit weichen gesetzlichen Regelungen aus, sondern streben eine offizielle Zulassung in den USA an. Der Beginn der dafür notwendigen klinischen Studien mit ALS-Patienten ist für den Sommer 2009 angekündigt worden.