Placebo und Nocebo

Für die althergebrachte Medizin ist der Placebo-Effekt eine Störgröße. Ein lästiges Etwas, das bei der Beuteilung der Effektivität berücksichtigt werden muss, sonst aber nicht viel Beachtung verdient.
Aufgeschlossenere Zeitgenossen - auch in der Wissenschaft - sehen den Placebo-Effekt inzwischen in einem anderen Licht. Sie sehen hier die Fähigkeit von Menschen, mittels geistiger Prozesse wie Glaube und Hoffnung Heilungsprozesse positiv beeinflussen zu können und damit ein großes Potenzial von Selbstheilungskräften freizulegen. Was dabei genau passiert, ist weit gehend unverstanden. Aber der Effekt ist so stark, dass nach wie vor immer wieder mit hohem Aufwand entwickelte Medikamente und Therapien scheitern, weil ihr Effekt in Studien "unter Placebo" liegt. Insofern ist die Placebo-Forschung ein relativ neues und ausgesprochen spannendes Forschungsfeld, weil hier endlich versucht wird, Wege für einen produktiven Nutzung der Placebo-Effekte freizulegen.

Leider hat der Placeboeffekt auch einen negativen Gegenpol, seit einiger Zeit Nocebo-Effekt genannt. Hier steht nicht die Erwartung von Heilung, sondern die Angst vor Erkrankungen im Vordergrund. Der Nocebo-Effekt tritt beispielsweise häufig beim Lesen der Nebenwirkungen auf einem Medikamenten-Beipackzettel auf. Berichtet wird aber auch von einem Leberkrebs-Patienten, dem ein starkes Wachstum seines Tumors und somit der Tod innerhalb weniger Wochen prognostiziert wurde. Nachdem dieser Patient tatsächlich verstarb, ergab die Obduktion, dass der Tumor wider Erwarten nicht gewachsen war und in dieser Größe auch nicht ursächlich für den Tod gewesen sein kann.

Die Prognose, mit der ALS-Patienten konfrontiert werden, gehört zur Nocebo-Kategorie erster Güte. Keine Hoffnung auf Besserung, die Gewissheit der Verschlimmerung, die extrem hohe Wahrscheinlichkeit, innerhalb weniger Jahre zu sterben. Die Hoffnung auf Heilung: aus "rationaler" Sicht reine Traumtänzerei. Wenn also schon die Kenntnisnahme relativ unwahrscheinlicher Nebenwirkungen auf einem Beipackzettel Symptome auslöst, wie groß ist dann der Nocebo-Effekt angesichts einer solchen Situation? Leider ist es so gut wie unmöglich, diese Frage wissenschaftlich angemessen zu beantworten. Denn dafür würde ja eine Gruppe ALS-Patienten benötigt, die von ihrer Krankheit nichts wissen und trotzdem beobachtet werden.

Die Nocebo-Forschung steckt in den Kinderschuhen. Für ALS-Patienten besteht im Moment nur die Möglichkeit, sich sehr bewusst mit dem Nocebo der Krankheitsprognose auseinanderzusetzen und einen eigenen Weg zu suchen, dessen Wirkung zu minimieren.

 Eine Video Dokumentation über die Placebos/Nocebo Problematik (in Englisch) gibt es hier.