Kommentar zum Abbruch der Dexpramipexol-Studie

So kann es gehen in der Arzneimittel-Entwicklung. 10 Jahre Forschung, ein dreistelliger Millionenbetrag, etwa 1000 ALS-Patienten die über Monate an einer klinischen Studie teilnehmen. Und dann platzt der Ballon. Eine kurze Presseerklärung: das Medikament ist nicht wirksam, die Entwicklung wird eingestellt. Und das ganze Projekt landet von heute auf morgen auf der Müllhalde der Forschungsgeschichte.


So geschehen am 3. Januar 2013 mit Bezug auf Dexpramipexol. Und genauso bei 2 weiteren Studien im letzten Jahr. Dass Dexpramipexol kein Heilmittel gegen ALS ist, sondern bestenfalls eine moderate Verzögerung im Krankheitsverlauf bewirken könnte, war immer klar. Dennoch ist die Wirkung dieses erneuten Rückschlages enorm. Für ALS-Patienten schwindet mit jeder gescheiterten Studie die Aussicht, im Rahmen der eigenen Lebenserwartung über ein wirksames Medikament verfügen zu können.

Kleine Randbemerkung: die einzigen Medien, die die Presseerklärung über die gescheiterte Studie aufgegriffen haben, waren Börseninformationsdienste. Und die haben natürlich nicht über die Situation von ALS-Patienten berichtet, sondern über den Kurseinbruch bei Biogen Idec.

Innerhalb von 12 Monaten 3 Studien, die in der letzten Phase gescheitert sind. Gibt es einen Schuldigen für diese Misere?

Auch mit einer kritischen Haltung zu Pharmakonzernen kann man den beteiligten Firmen in diesem Zusammenhang kaum einen Vorwurf machen. Sie haben einen 2 bis dreistelligen Millionenbetrag bei dem Versuch, ein ALS-Medikament zu entwickeln in den Sand gesetzt. Biogen Idec hat zudem schon vor dem Ende der Dexpramipexol-Studie angekündigt, bei der ALS-Forschung im Boot zu bleiben und eine hochkarätige Forschergruppe dafür eingesetzt.

Auch gegen die Tatsache, dass von den Zulassungsbehörden hohe Hürden gesetzt werden, ist prinzipiell nichts einzuwenden. Niemandem es geholfen, wenn wirkungslose Medikamente auf den Markt kommen. Es ist aber die Art und Weise, wie die Studien durchgeführt werden, die bei Wissenschaftlern und Patientenorganisationen immer stärker auf Kritik stößt. Und das zu Recht.

Einer der Kritikpunkte: die Placebo-Kontrolle. Zum einen ist es schon ethisch äußerst fragwürdig, schwer kranken Patienten die die Strapazen einer Studienteilnahme in der Hoffnung auf die Wirksamkeit des Medikamentes auf sich nehmen, ein unwirksames Mittel zu verabreichen. Zum anderen ist die angewandte Methode, den Krankheitsverlauf der Patienten mit dem echten Medikament mit denjenigen der Placebogruppe zu vergleichen ineffektiv und ungenau. Grund: der zeitliche Verlauf der ALS ist individuell extrem unterschiedlich. Manche Patienten sterben weniger Monate nach der Diagnose, andere überleben Jahrzehnte. Ob eine größere Anzahl von Patienten mit extrem langsamen oder schnellen Verlauf in einer der Gruppen konzentriert auftritt, hängt allein vom Zufall ab, kann aber das Ergebnis beeinflussen. Viel sinnvoller wäre es, die Geschwindigkeit des Krankheitsverlaufes bei den einzelnen Patienten jeweils vor und während der Behandlung zu vergleichen – diese Methode wird derzeit bei der Kineret-Studie an der Berliner Charité angewandt.

Ein weiterer berechtigter Kritikpunkt ist die Anwendung der ALS-Funktionsskala (ALSFRS) als Parameter für die Krankheitsentwicklung. Diese Methode ist extrem ungenau und kann so verfälschten Ergebnissen führen. (Dazu mehr in Kürze) Dringend erforderlich ist die Erforschung und Entwicklung so genannter Biomarker, mit denen der Krankheitsverlauf und damit auch die Wirksamkeit von Therapien präziser gemessen werden kann.

Die aktuellen und bedeutenden Fortschritte in der Grundlagenforschung bei Amyotropher Lateralsklerose und anderen neurodegenerative Erkrankungen haben eine Situation hervorgebracht, in der Dutzende, wenn nicht Hunderte von Substanzen als mögliche Therapie diskutiert werden. Trotz verbesserter Methoden in der vorklinischen Forschung werden dennoch zahlreiche klinische Studien erforderlich sein. Menschen reagieren anders als genmanipulierte Mäuse oder Modellsysteme im Reagenzglas. Sowohl für die Wissenschaft wie auch für Patientenorganisationen ist ein kritischer Blick auf die Art und Weise klinischer Studien notwendig. Die " Placebo kontrollierte Doppelblindstudie", die heilige Kuh der klinischen Forschung, mag bei vielen Erkrankungen und Medikamenten eine sinnvolle Methode sein, bei ALS ist sie das in der bisher praktizierten Form sicher nicht.

12.1.2013, D.P.